Erste Gedanken zum „Nicht-daheim-sein“

Vor einer Woche bin ich von Wien über Delhi nach Kathmandu geflogen. Ich habe vor, hier fünf Monate zu bleiben. So lange war ich noch nie von Österreich weg. Ich möchte hier niederschreiben, warum ich das mache und wie ich mich dabei fühle.

Im November 2017 habe ich erstmals von der Möglichkeit erfahren, für ein Jahr für eine lokale NGO im Norden von Kenia arbeiten zu können. Als „EU Aid Volunteer“. Dabei handelt es sich um ein Programm, das von der Europäischen Kommission initiiert wurde. Menschen aus Europa sollen die Möglichkeit bekommen, als „Professionals“ – also in dem Bereich, in dem sie ausgebildet sind und schon gearbeitet haben – in humanitären Projekten auf der ganzen Welt mitzuhelfen.

Ich habe mir gedacht, das ist doch eigentlich genau das, was ich mir immer vorgenommen habe: Mit meinen Fähigkeiten in der Kommunikation Projekte zu unterstützen, die sich für Menschen einsetzen. Ich habe mich also beworben.

Kenia wurde abgesagt und daraus wurde Nepal. Für mich war das völlig in Ordnung. Ich habe noch versucht, alles zeitlich hinzubekommen. Den Nepal-Aufenthalt habe ich verschoben, damit ich meinen Master fertig machen und „Die Wöt wird sie weiterdrahn“ mit Gnackwatschn veröffentlichen kann (dessen Titel ja wunderbar zur jetzigen Situation passt).

Ein Gefühl der Indifferenz

Spannend war für mich, in der letzten Woche vor meiner Abreise in mich selbst hineinzufühlen und zu merken: Da ist nicht viel. Ich hatte keine große Ambition unbedingt wegzufliegen, aber ich hätte meinen Abflug auch niemals abgesagt.

Im Flugzeug kurz vor Abflug war dann doch Nervosität zu spüren. Aber die monatelange Vorbereitung meiner Reise hat das alles irgendwie aufgeteilt. Gegen Ende hin wollte ich auch mit niemandem mehr darüber reden und erklären, was ich da eigentlich mache und warum.

Jetzt ist dieses Gefühl weg. Ich fühle mich gut und zuversichtlich.

Auf der Suche nach anderen Systemen

Besonders im letzten Jahr in Österreich habe ich immer mehr Verdruss gegenüber unseres grundsätzlichen Systems empfunden. Damit meine ich speziell die Orientierung zu Konsum und Wachstum. In einem kurzen Schlagwort: Kapitalismus. In Österreich (und vielen anderen Ländern) sind Produktivität, Leistung und Wachstum alles. Wir ignorieren unsere Umwelt, oder – besser – können unsere Umwelt ignorieren, weil wir uns abstumpfen mit Produkten, die wir konsumieren. Ob das jetzt Kleidung ist oder Netflix, völlig egal. Hauptsache wir können uns zerstreuen am Feierabend oder am Wochenende, nachdem wir im Büro Stunden um Stunden auf Probleme hingeworfen haben – mit den immer gleichen, immer falschen Lösungen.

Mehr Zeit aufzuwenden bedeutet nicht immer, produktiver zu sein. Ich war auf der Suche nach Alternativen zu diesem System und habe sie in verschiedenen Szenen in Österreich gesucht. Ich bin hier nicht fündig geworden. Es zieht sich von der politischen Ebene bis in Firmen und Organisationen bis hin zum familiären Umkreis. Und es zieht sich auch in jede Disziplin, bei mir zum Beispiel in die Content-Strategie.

Es gibt gefühlt nur wenige, die von Degrowth oder einer Postwachstumsgesellschaft sprechen. (Spannende Gedanken dazu verfasst mein ehemaliger Studiengangsleiter Heinz Wittenbrink auf seinem Blog.) Aber vielleicht gibt es Alternativen, in denen wir produktiv und kreativ miteinander arbeiten können – und das in Einklang mit unserer Umwelt und uns selbst. Die #FridaysForFuture-Bewegung gibt Zuversicht.

Ich bin jetzt auf der Suche und versuche so viel wie möglich aufzusaugen von dem, was ich kennenlernen darf.

No White Saviors

Ich beschäftige mich außerdem ständig mit der Frage, was es bedeutet, als Europäer in Ländern des globalen Südens tätig zu sein. Unter dem Deckmantel von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit hat es leider einige Fälle gegeben, in denen es sich um Ausbeutung und Unterdrückung handelte. Eines der schlimmsten Beispiele ist der Skandal rund um Oxfam. Es geht – neben der Aufarbeitung solcher Fälle – um eine grundsätzliche Bewusstseinsbildung im Bereich, dass Verantwortung („Accountability“) als Prinzip ganz oben stehen muss.

Die „No White Saviors“-Bewegung leistet derzeit Großartiges diesbezüglich. Der Ausgangspunkt dafür war ein negativer: Die NGO Comic Relief hat mit der TV-Journalistin Stacey Dooley in Uganda gedreht. Nachdem sie ein Selfie mit einem schwarzen Kind auf ihrem Arm auf Instagram gepostet hat (das Kind eindeutig nicht begeistert und eher als Accessoire auf ihrem Arm), haben sie die Aktivistinnen von „No White Saviors“ (NWS) zu sich eingeladen. Die leben nämlich in Uganda und wollten mit ihr über den „White Savior“-Komplex sprechen: Darum handelt es sich nämlich, wenn weiße Menschen nicht-weißen Menschen helfen, dabei eher sich selbst dienen und Stereotypen unterstützen bzw. verstärken. Dazu gehört zum Beispiel das Vorurteil, dass der gesamte Kontinent Afrika ausschließlich geprägt ist von Armut und Hunger und der weiße Mann die einzige Hilfe ist.

Stacey Dooley hat sich nie zurückgemeldet. Sie hat auch das Selfie nicht gelöscht. Dafür haben die NWS-Aktivistinnen die Familie des Kindes auf dem Foto besucht. Mit ihrem Sohn hätte Dooley vor dem Foto nicht interagiert, sondern vielmehr aufgehoben, das Foto gemacht, den Jungen wieder abgelegt. Wirkliche Unterstützung scheinen sie von Comic Relief also nicht zu bekommen.

Sowohl NGO als auch Celebrity halten sich bedeckt. Aber NWS ist weiter aktiv und ich finde ihre Arbeit besonders deswegen sehr wichtig.

Gleichzeitig sind Bewusstseinsbildung und Aufmerksamkeit für soziale Projekte unerlässlich. Nur sollte man sich der Dynamiken zwischen Helfer und Geholfenem bewusst sein – besonders als jemand, der in der Kommunikation tätig ist. Und bitte nicht davon ausgehen, dass es in Österreich irgendwie anders abläuft. „Poverty Porn“ wird hier ordentlich ausgelebt, wie es mein Kollege Stefan Schauhuber in einem Blogpost kritisiert.

Ganz hilfreich habe ich übrigens die 7 Tipps „How to be a good human while traveling to countries in the southern hemisphere“ gefunden, die ich mir sehr zu Herzen nehme.

Insgesamt: Faszination

Abgesehen von meinen kritischen Gedanken kann ich nach einer Woche hier sagen: Es ist faszinierend, wie viel Neues es zu sehen gibt. In so kurzer Zeit habe ich schon so viel erlebt, dass ich mir schwer tue, das alles zu verarbeiten. Deswegen heißt’s viel schlafen und gut essen.

Wenn euch interessiert, wie es mir so ergeht, folgt mir auf Instagram, dort poste ich am regelmäßigsten (Stories).

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