#DigitaleCourage: Zivilcourage im Web

Heute fand ein Meilenstein der Netzpolitik in Österreich statt, der bereits auf sich warten hat lassen: Bei #DigitaleCourage in Wien trafen sich Experten zum Austausch und zur Aufklärung rund um Hass im Netz.

Mit Hass im Netz beschäftige ich mich schon längere Zeit – eigentlich, seitdem ich das Web nutze, aber noch intensiver, seitdem ich bei der Caritas in verschiedenen Funktionen für Social Media zuständig bin. Wie ich damit vor einigen Monaten umgegangen bin, habe ich im Blogpost „Vom Umgang mit Hasskommentaren“ beschrieben. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich heute bei der Enquete #DigitaleCourage im Sitzungssaal des Bundrats dabei sein durfte.

 

Schimpfwörter im Bundesrat

Wie Elke Rock ihren Shitstorm erlebt hat

Zwischen vielen spannenden Vorträge von Experten hielt auch ein Opfer von Hasspostings eine Rede, die schließlich zum Mittelpunkt der ganzen Debatte werden sollte: Die Ö3-Moderatorin Elke Rock (früher Lichtenegger) beschrieb den auf sie entladenen Shitstorm im Jahr 2014. Damals wurde aus einem Zitat über österreichische Bands eine digitale Hexenjagd, die in einem Zusammenbruch von Elke Rock endete.

„Nachdem wir ja im Fernsehen sind, wünscht man sich wahrscheinlich den Piepton. Den habe ich mir auf Facebook auch gewünscht. Aber den gibt’s dort nicht.“

Völlig unzensiert hat Rock grässliche Hasspostings zitiert und gesagt: „Nachdem wir ja im Fernsehen sind, wünscht man sich wahrscheinlich den Piepton. Den habe ich mir auf Facebook auch gewünscht. Aber den gibt’s dort nicht.“ Sie hat gewarnt („Was mir passiert ist, kann jedem von uns passieren.“) und aufgerufen, „dass man Menschen davor schützt, dass ihnen so etwas passiert.“ Zurecht gab es Standing Ovations für ihre Rede, die alle berührt und auch erschrocken hatte.

Die Rede gibt es hier ab ca. Minute 29 zum Nachsehen: ORF tvthek

 

Die Strafbarkeit von Hasspostings

Es scheinen viele der Vertreter bei #DigitaleCourage bereits ihre Wege gefunden zu haben, wie mit Hasspostings umzugehen ist – ob als Vertreter oder selbst Betroffene. Diese Wege überschneiden sich zu großen Teilen, unter anderem weil sie sich auf Recht berufen. Umso glücklicher können wir uns schätzen, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen Anfang des Jahres 2016 verschärft wurden, um Hasspostings strafrechtlich besser verfolgen zu können. Können, weil es oft noch an der Umsetzung fehlt.

Hasspostings können u.a. folgende Strafbestände erfüllen:

  • Verhetzung
  • Üble Nachrede
  • Beleidigung
  • Verleumdung
  • Kreditschädigung
  • Cyber-Mobbing (am 1.1.2016 eingeführt)

Schön und gut. Aber an der Umsetzung fehlt es dahingehend, dass es an Aufklärung fehlt. Viele wissen (natürlich) nicht, welches Recht im Internet herrscht. Grundsätzlich kein anderes, als in der realen Welt. Besonders bei jungen Menschen, im Bildungssystem, sollte angesetzt werden, sind sich einige Experten einig. Aber wo genau, das konnte noch nicht genau gesagt werden. Aber es ist ein Anfang!

Hier übrigens ein kurzer Überblick über Hasspostings und deren Strafbestände von ISPA (Internet Service Providers Austria).

Darf ich meine freie Meinung nicht mehr äußern? Doch, immer, aber…

Diese Erkenntnis hat mich heute erleichtert: Es gibt fast keine Grauzone zwischen Straftat und freier Meinungsäußerung. Freie Meinungsäußerung ist sachliche Kritik (auch zugespitzt formuliert) und „kein substanzloses Herabrichten“, wie es Dr.in Maria Windhager heute erklärte. Sie ist Rechtsanwältin für Medien- und Persönlichkeitsschutzrecht. Für Juristen scheint die Grenze klar zu sein; zumindest das beruhigt. Und vielleicht bekommt man auch selbst ein Gefühl dafür.

 

Hassrede & Gegenrede

Ich selbst war zum Glück noch nie Opfer von Hass im Netz. Aber selten hat mich ein Austausch wie die #DigitaleCourage so erleichtert. Erleichtert, dass dieses Thema jetzt auch ein größeres Publikum interessiert, dass Strategien entwickelt werden, dass man sich gegenseitig hilft, dass es eine gesetzliche Grundlage gibt.

„Feind der Zivilcourage ist nicht Hass, sondern Passivität.“

Jetzt geht es nur mehr darum, selbst aktiv zu werden. Und dabei auch zu wissen, wie es geht. Denn oft ist man gefährdet, der Hassrede eine Gegenrede entgegenzusetzen. Doch was wir brauchen, ist eine „Gegenhaltung“, wie es der Sprachphilosoph Paul Sailer-Wlasits formuliert hat. Denn eine einfache Gegenrede birgt die Gefahr, dass die Hassrede aufgewertet wird. Ruhige und sachliche Antworten auf Kommentare sind die Devise und der richtige Umgang damit, wie es die bereits erwähnte Juristin Maria Windhager vorschlägt:

  1. Auf den Täter (Hassposter) reagieren und ihn darauf aufmerksam machen, dass er eine Straftat begeht. Dass es keineswegs in Ordnung ist, was er schreibt.
  2. Die Funktionen des Plattform-Betreiber nutzen und das Posting melden oder – wenn möglich – löschen (lassen).

Seien wir gemeinsam couragiert. Denn „Feind der Zivilcourage ist nicht Hass, sondern Passivität“. (Zitat Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen-Komittees)

 

Mehr zur Enquete #DigitaleCourage:

Advertisements

Ein Gedanke zu “#DigitaleCourage: Zivilcourage im Web

  1. Sehr interessanter und lesenswerter Artikel. Es mangelt den Personen im Netz viel zu sehr an Wissen wie man gegen Hasspostings vorgehen soll und den Hassposter ist nicht klar was man damit anrichtet.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s