Vom Umgang mit Hasskommentaren

Nachdem wir als Caritas Steiermark eine Facebook-Werbeanzeige für ein Spendenprojekt geschalten hatten, erhielten wir eine Welle von Kommentaren. Eine Welle von grässlichen Hasskommentaren. Ich möchte erklären, wie wir damit umgegangen sind. 

Foto: hate by wallsdontlie

Was genau geschrieben wurde, möchte ich gar nicht genau wiedergeben. Aber eines hat mich stark beschäftigt: Sehr oft wurde das Wort „Kulturbereicherer“ verwendet. Das musste ich erst einmal googeln. „Kulturbereicherer“ ist ein Begriff, der aus dem rechtsextremen Milieu stammt. Er ist eine zynische Bezeichnung für Flüchtlinge und soll radikale Ablehnung der Einstellung gegenüber ausdrücken, dass Menschen aus anderen Kulturen das Leben in Österreich bereichern könnten. (Ich habe mir diese Definition aus mehreren Quellen zusammengestellt, die ich hier nicht verlinken möchte.)

„Kulturbereicherer“ ist eine zynische Bezeichnung für Flüchtlinge und soll radikale Ablehnung der Einstellung gegenüber ausdrücken, dass Menschen aus anderen Kulturen das Leben in Österreich bereichern könnten.

Von Entwicklungshilfe zur Flüchtlingsthematik

Das Perfide am Begriff „Kulturbereicherer“ im Zusammenhang mit unserem Post ist: Es ging hier nicht um Hilfe für Flüchtlinge. Beim Projekt handelt es sich um ein Ernährungszentrum für Kinder im Südsudan. Sie erhalten dort drei Mal wöchentlich nahrhaftes Essen. Diese Ernährungszentren sind ein seit langem erfolgreich erprobtes Konzept gegen Mangel- und Unterernährung. Was hat also die Ernährungssicherung im Südsudan mit Flüchtlingen zu tun? Viele Menschen scheinen schon darauf konditioniert zu sein, wütend zu werden, wenn Menschen aus anderen Ländern geholfen wird. Dabei scheint es irrelevant zu sein, wie, wo und in welchem Ausmaß das passiert.

Afrikanische Kinder essen zu dritt aus einer Schüssel.
Dreimal die Woche ordentlich essen: Ernährungszentren für Babys und Kleinkinder sind ein erfolgreich erprobtes Konzept (c) Caritas

Warum ich mich mit diesem Hass beschäftige

Grundsätzlich wundere ich mich nicht über solche Kommentare, da ich hin und wieder Zeit auf Facebook-Seiten des rechten Milieus verbringe – einfach, um zumindest ein wenig Verständnis für gewisse Argumente aufbringen zu können. (Oder auch nicht.) Als Community Manager für eine Hilfsorganisation, die natürlich auch Flüchtlingen und MigrantInnen hilft, kann man so besser gewappnet sein für einen Großteil der Kritik. Wichtig ist auch zu erkennen, ob diese auf Fakten oder rein auf Gerüchten basiert.

Ich bin bei Weitem nicht der Erste, der über Hasskommentare in sozialen Medien schreibt. Vielleicht können wir uns jedoch gegenseitig helfen, den richtigen Umgang damit zu finden.

Deutliche und faktenbasierte Antworten

Dass wir mit dem gesponserten Post Leute erreichen könnten, die nicht mit der Arbeit der Caritas zufrieden sind, war mir klar. Der geballte, unreflektierte Hass, der auf uns und die Menschen in Not zugekommen ist, hat mich jedoch einfach nur schockiert. Ich bin bei Weitem nicht der Erste, der über Hasskommentare in sozialen Medien schreibt. Vielleicht können wir uns jedoch gegenseitig helfen, den richtigen Umgang damit zu finden.

So reagieren wir auf Hasskommentare

Ich habe keine Patentlösung, sondern nur die eine: deutlich und faktenbasiert antworten. An diesem Abend habe ich selbst das hinterfragt. Welchen Zweck hat es in solchen Fällen noch zu antworten? Sicher nicht in Frage kommt, dass ich solche Aussagen unkommentiert stehen lasse. Manche würden sonst glauben, dass wir als NGO nichts dagegen sagen könnten. Eine andere Möglichkeit wäre, sie einfach zu löschen. Wir haben kurze Zeit später den Mittelweg gewählt, den wahrscheinlich ein Großteil der Community Manager ebenfalls wählen würde:

  • Wir beantworten Kritik und widerlegen Gerüchte – fast immer, denn:
  • Wir löschen und melden Beleidigungen und Rassismus – völlig egal, ob es gegen die oft unverständlichen Standards von Facebook verstößt oder nicht.
  • Wir löschen und melden auch Begriffe wie „Kulturbereicherer“, die Facebook selbst nicht als Rassismus bewerten würde. Besonders solche Begriffe können sich unentdeckt in den sozialen Medien verbreiten. Das ist übrigens ein weiterer Grund, sich auch auf Seiten zu begeben, die man normalerweise nicht besuchen würde.

 

Muss ich als Privatperson auf Hasskommentare reagieren?

Mich würde stark interessieren, was ihr davon haltet. Ich denke, dass unser Umgang mit den Hasskommentaren für eine Organisation gut funktioniert. Aber: Wo grenzt man ab zwischen privaten Accounts und offiziellen Seiten? Wer hat welche Verantwortung im Netz? Und will ich mir es als Privatperson überhaupt antun, solch grässliche Kommentare zu lesen und dann auch noch mit Trollen oder anonymisierten Accounts diskutieren?

 

Wenn Hass gegen Hilfe ausgespielt wird

Ich kann nur eines sagen: Mich haben solche Kommentare noch nie in diesem Ausmaß beschäftigt. Vielleicht war es nach einigen Jahren der Moment, in dem das Maß für mich voll war. Denn wenn mit Hass auf Hilfe für Menschen in Not reagiert wird, kann mich das nicht mehr kalt lassen.

Ich freue mich sehr über Ergänzungen und Meinungen zu diesem Thema, hinterlasst mir einfach einen Kommentar!

Advertisements

5 Gedanken zu “Vom Umgang mit Hasskommentaren

  1. Sie sprechen mir aus der Seele. Es ist schwer, wenn diese Hass Postings noch vom Bekanntenkreis ausgehen…ich habe immer wieder versucht, mit Fakten zu antworten aber es prallt ab, wie auf einer Mauer. Ich selbst habe mit UMF Burschen zu tun und kann nur die tollen Erlebnisse und Fortschritte der Jungs immer wieder erzählen! Das mache ich auch und werde nicht müde dabei.
    Danke für Ihren tollen Artikel!
    Mein Leitsatz in dieser Sache: nicjt selber genauso gereizt reagieren, denn
    💚Hass kann denn Hass nicht vertreiben💚

    Gefällt mir

    1. Liebe Kristin,

      im Bekanntenkreis habe ich das glücklicherweise noch nie erlebt. In so einem Fall kann man die Person aber zumindest persönlich kontaktieren. Oder wie haben Sie das handgehabt? Ich könnte mir vorstellen, dass das die Lage entschärft.

      Das habe ich in meinem Post gar nicht erwähnt, richtig: Zum faktenbasierten Antworten gehört auch eine gewisse Ruhe, die man ausstrahlen sollte.

      Danke für Ihr Feedback!

      Gefällt mir

  2. Hallo Gregor, vielen Dank für deine Ausführungen.
    Als Organisation bzw. innerhalb der O. verantwortlicher Mensch ist es sicher noch eine Ecke schwieriger, sich selber einen Leitfaden zum Umgang mit Hasskommentaren zu setzen. Weder das Einlassen auf Diskussionen noch rigoroses Löschen (Stichwort „Lügenpresse“ und Zensurvorwürfe) sind die Lösung. Eure Vorgehensweise scheint gut durchdacht. Hat sie sich im Laufe der Zeit bewährt?
    Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kato,
      ja, der Mittelweg muss es wohl sein. Das hat sich in den letzten Monaten auch bewährt.
      Außerdem haben wir noch zwei Komponenten hinzugefügt: Erstens sind wir sehr genau beim Ad-Targeting geworden und versuchen damit, solchen Personen „auszuweichen“ (außer wir wollen „ins Bienennest“ stechen und sie mit Absicht erreichen). Zweitens prüfen wir bei einschlägigen Kommentaren auch, ob sie strafrechtlich relevant sind. Sollte das der Fall sein, ist eine Klage unabdingbar. Derzeit ist es noch nicht so weit gekommen, aber das Bewusstsein kommt meiner Meinung nach immer mehr, dass das Web kein rechtsfreier Raum ist.
      Liebe Grüße

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s