Karim El-Gawhary zu Gast bei JPR

Karim El-Gawhary war heute, Mittwoch, zu Gast beim Studiengang Journalismus und PR. Der sympathische Karim (ja, wir dürfen ihn duzen) hat den vollen Präsentationsraum in seinen Bann gezogen, mit seiner Ehrlichkeit, mit seinen Geschichten, mit seinem Humor und seinem Fachwissen.

Meine Twittertimeline hat meinem Gedächtnis teilweise auf die Sprünge geholfen, Danke an @pascottini, @abettermorning, @kerstinklement und @heinz.

Foto: 3. Steirischer Tag der Vielfalt von info-graz

Ein netter Typ, dieser Karim. Keine Starallüren – trotz des Hypes um seine Person – und gar nichts Abweisendes konnten wir an ihm finden. Einerseits war es sein fröhliches Gemüt. Andererseits waren es seine Geschichten. Spannend. Lustig. Schrecklich. Traurig. Die volle Bandbreite, sehr authentisch erzählt und mit kunstvollen Pausen, die viel ausgemacht haben (Vielleicht hin und wieder ein bisschen einstudiert?). Diese Geschichten stehen nicht unabhängig voneinander, sondern ergeben einen interessanten Ausschnitt aus seinem Beruf und der arabischen Revolution.

„Objektiver Journalismus ist nicht, mit einem Heißluftballon über den Tahrir Platz zu fliegen.“

Gawhary hat viele – für uns unvorstellbare – Dinge erlebt. Er war oft mitten im Krieg. „Ich komm ja komischerweise immer in so blöde Kriegssituationen,“ sagt er scherzhaft. Aber das ist gar nicht seine Intention. Er will lieber vom Hintergrund des Kriegs berichten. Wie gehen die Leute mit der Situation um? „Mir wird manchmal vorgeworfen, dass ich keinen objektiven Journalismus mache.“ Aber: „In bestimmten Situationen wird objektiver Journalismus hinfällig.“ Man müsse mittendrin stehen, um guten Journalismus zu machen. „Objektiver Journalismus ist nicht, mit einem Heissluftballon über den Tahrir-Platz zu fliegen.“ Man müsse mit den Leuten reden und die anderen Medien hinterfragen.

„Das ist die beste Krise meines Lebens“

Ein gutes Beispiel ist eine seiner Geschichten aus Tripolis. Dort waren während der Revolution Lebensmittel und Wasser knapp und der Strom lief nur hin und wieder. Gawhary ist zu vielen Leuten gegangen, hat mit ihnen über ihre Situation gesprochen. Ein alter Mann um die 70 Jahre sagte ihm dort: „Das ist die beste Krise meines Lebens. Das ist es mir wert, wenn Gadafi weg ist. Und jedes mal, kurz bevor meine Sachen im Kühlschrank auftauen, geht der Strom wieder an.“ Diese Lebensmittelknappheit haben die Leute also gerne auf sich genommen, wenn Gadafi nicht mehr regiert. Dies hat Gawhary nur erfahren, weil er mittendrin war. Und nur so könne man guten Journalismus machen.

„Ich stehe in Syrien auf der schwarzen Liste“

Über etwas nicht zu berichten, nur weil man nicht ins Land kann, sei für Gawhary ein Fehler. „Ich stehe in Syrien namentlich auf der schwarzen Liste. Man sagt, Karim El-Gawhary reist bestimmt nicht nach Syrien ein.“ Aber gerade deswegen würde er immer lieber durch andere Quellen über Geschehnisse berichten, als sie völlig auszulassen. „Das Regime will ja, dass du gar nicht mehr berichtest.“

Karim El-Gawhary auf ORF2 in der ZIB um 13 Uhr

„Wir erleben einen journalistischen Echtzeit- und Vor-Ort-Wahnsinn“

Auslandskorrespondenten seien immer mehr wie Feuerwehrmänner. „Sie warten in ihrem Bett mit angezogenen Stiefeln. Und wenn es einen Konflikt gibt, schwingen sie sich die Stange hinunter,“ sagt Gawhary. Es gibt keine Rundum-Berichterstattung mehr. Die komplexen Prozesse werden nicht mehr dargestellt. „Konflikte fallen vom Himmel. Das ist ein Armutszeugnis der Auslandsberichterstattung. Wir erleben einen journalistischen Echtzeit- und Vor-Ort-Wahnsinn,“ sagt Gawhary. Auslandskorrespondenten soll immer und überall bereit sein. „Ich war einmal in einem Geschäft im Norden von Baghdad. Im Süden ist kurz vorher eine Bombe explodiert. Dann hat mich jemand angerufen und gefragt: ‚Wie ist die Lage in der Stadt?‘ Und ich hab gerade überlegt, ob ich Keule oder Brust nehmen soll.“ Manchmal wisse er auch nicht einmal, welche Fragen ihm Armin Wolf bei einer Liveschaltung in der ZIB2 entgegenwerfe. Alle wollen immer so schnell wie möglich Information. Man müsste glauben, Auslandskorrespondenten wären immer genau dort, wo gerade etwas passiert.

Ein Graffiti von Khaled Said in Alexandria. Der junge Blogger wurde von zwei Polizisten auf offener Straße zu Tode geprügelt. Die Facebook-Seite „Wir sind alle Khaled Said“ hatte innerhalb kürzester Zeit hunderttausende Fans und wurde zu einer Quelle der arabischen Revolution. Foto von lilianwagdy.

„Was bedeutet so ein ‚Like‘. Ist das schon eine politische Aktion?“

@heinz hat gegen Ende der kurzen neunzig Minuten noch gefragt, welche Rolle die sozialen Medien in der arabischen Revolution gespielt haben. Gawhary erzählt von der Gründung der Facebookgruppe „Wir sind alle Khaled Said“. Ein junger Mann wurde auf offener Straße von zwei Polizisten zu Tode geprügelt. Die Gruppe hatte innerhalb kurzer Zeit mehrere hunderttausend Likes. „Es gibt in Ägypten mehr Facebook-Nutzer als Tageszeitungsleser,“ sagt Gawhary. „Aber was bedeutet so ein ‚Like‘. Ist das schon eine politische Aktion?“

„Das einzige Instrument zur Mobilisierung wirklich vieler Leute ist das Fernsehen“

Noch viel wichtiger sei das Medium Fernsehen bei der Revolution gewesen. Bei einer Talkshow hat ein Chirurg erzählt, wie seine Tochter eines Tages gesagt hat, sie ginge auf den Tahrir-Platz, um dort zu demonstrieren. Einige Tage später ging auch sein Sohn dort hin. Er hat seinen Vater dann angerufen und ihn gebeten, den Verletzten zu helfen. Er ging hin. Bei einem jungen Mann musste er eine große Platzwunde nähen. Doch er wollte sich nicht verarzten lassen und lief davon, zu Mubaraks Schlägern. Als der Chirurg in der Talkshow weitererzählen wollte, brach er zusammen. Die Moderatorin konnte ihn beruhigen. Er sagte: „Ich habe den Jungen wieder gesehen. Er war tot, durch einen Kopfschuss.“ Am nächsten Tag waren über eine Million Menschen am Tahrir-Platz.

Hauptsächlich das Fernsehen habe so viele Menschen zur Demonstration auf dem Tahrir Platz bewegt, meint Karim El-Gawhary. Foto von Peta-de-Aztlan.

„Es ist ein familienunfreundlicher, unberechenbarer Job.“

Kann man den überhaupt Auslandskorrespondent werden? Das haben sich heute wahrscheinlich viele von uns gefragt und viele Antworten bekommen. „Es gibt keinen Weg, Auslandskorrespondent zu werden,“ sagt Gawhary und verweist auf seinen Versuch, bei der Journalistenschule in München anzukommen. Dort sei er kläglich gescheitert: „Beim Aufnahmegespräch saß plötzlich ein Tribunal vor mir, die Journalisten-Halbgötter von München.“ Vor lauter Nervosität konnte er fast keine der Fragen beantworten. Seinen Weg hat er trotzdem gemacht.

„Es gab ganz häufig Momente, in denen ich vom Journalismus genug hatte.“

Will man denn überhaupt Auslandskorrespondent werden? Natürlich ist es (s)ein Traumberuf: „Ich möchte den Job mit niemandem tauschen,“ sagt Gawhary, aber „es ist ein familienunfreundlicher, unberechenbarer Job.“ Letzten Sommer musste er sogar seinen zweiwöchigen Urlaub abbrechen. „Es gab ganz häufig Momente, in denen ich vom Journalismus genug hatte. Es gibt viele Momente, wo es nervt. Aber ich kann ja nix anderes. Was soll ich denn machen außer Journalismus?“

Karim El-Gawhary, Sohn eines Ägypters und einer Deutschen, ist seit 20 Jahren Nahost-Korrespondent in Kairo. Er arbeitet für den ORF und für viele weitere deutschsprachige Zeitungen wie die tageszeitung oder Die Presse. Er hat Islamwissenschaften und Politik mit dem Schwerpunkt Nahost an der Freien Universität Berlin studiert.

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