Das Rote Kreuz und der Schmäh

Hin und wieder sucht man Helden im Alltag. Beim Roten Kreuz sollten solche doch zu finden sein. Ehrenamtlich verbringen sie einen Großteil ihrer Freizeit im Dienst – aus Liebe zum Menschen? Ein Tag mit vier Helden zeigt den Schmäh und den wirklichen Alltag beim Roten Kreuz. Eine Reportage.

Foto: Peeling cross by Andreas Levers

Vor dem Seniorenheim wartet eine ältere Frau im Rollstuhl. „Fahren wir an die Côte d’Azur?“, fragt sie die jungen Herren in den roten Jacken. „Aber nicht nach Cannes oder Nizza. Ich will nach Monaco!“, verlangt sie. Marian steigt sofort in den Schmäh ein. „Da müssen’S aber das dicke Geldtascherl mitnehmen“, sagt er. „Na na! Ich fahr‘ eh nicht zu Spielen runter. Da verliert man nur.“

Der Wagen mit dem roten Kreuz auf der Motorhaube ist gerade vor dem Seniorenzentrum in Kobenz in der Steiermark stehengeblieben. Zwei junge Herren steigen aus. Robert und Marian, beide 20 Jahre alt, wirken wie starke Typen. Die Jacken des Roten Kreuzes machen ihre Schultern breit. So fühlt sich der Patient wahrscheinlich sicherer. Frau Müller gefällt es jedenfalls. Mit so „feschen Buben“ fährt sie gerne mit. Die Buben haben den Sitz mit Rollen schon vorbereitet, helfen ihr beim Wechsel vom Rollstuhl und heben sie gekonnt in den Wagen. Frau Müller hat sich den Fuß gequetscht und soll zur Untersuchung ins LKH Leoben. Das regnerische Wetter verschlechtert die Stimmung im Auto nicht. Robert setzt sich nach hinten, Marian bleibt vorne, hört Radio und konzentriert sich auf die Fahrt.

Junge Leute

Das Rote Kreuz der Bezirksstelle Knittelfeld hat einen Altersdurchschnitt von 21 Jahren. Fast alle, die hier ihren Zivildienst absolvieren, bleiben als Ehrenamtliche dabei. Im RTW – Rettungstransportwagen – fahren Patrick und Philipp. Patrick ist 22 und studiert Anglistik und Medienwissenschaften in Graz. In den Ferien und am Wochenende nimmt er sich immer wieder Zeit für Dienste beim Roten Kreuz. Meist fährt er zusammen mit Philipp. Philipp ist 21, ebenfalls Student, aber noch am Überlegen, was seine Bestimmung ist. Er hat ein jugendliches Gesicht, sein Zweieinhalb-Tage-Bart macht ihn aber ein wenig älter. Seine Haare hat er mit Gel in ein absichtliches Chaos verwandelt. Patricks Haarchaos hingegen scheint nicht absichtlich zu sein. Er ist größer, nicht nur höher, sondern allgemein größer, hat mächtige Hände, ein großes Gesicht. Er sieht nicht nach dem 21. Jahrhundert aus. Er würde eher ins Mittelalter passen. Doch im Gespräch erkennt man sofort, dass er nicht von gestern ist.

Warum macht man eigentlich Dienst beim Roten Kreuz ohne Bezahlung? Aus Liebe zum Menschen? Patrick meint, er macht es, weil ihm die Arbeit Spaß macht. „Das ist weniger Altruismus als Eigeninteresse“, sagt er. Phil drückt es einfach aus: „Ein bisschen Stehen und Schauen tun wir hauptsächlich“. Es sei immer lustig und außerdem fährt er meistens mit einem seiner besten Freunde, Patrick.

Die Helden vom Roten Kreuz ignorieren also ihr eigenes Heldentum. Dass sie den Menschen und der Gesellschaft ehrenamtlich helfen, scheint Nebensache zu sein. Hauptsache sind der Schmäh und die Kollegen.

17000 „Taxifahrten“

Das Rote Kreuz in Knittelfeld fährt insgesamt zirka 17.000 Krankentransporte jährlich – von bösen Zungen „Taxifahrten“ genannt. Nur zirka 300 Fahrten sind Notarzteinsätze und noch 300 Sekundärfahrten. Solche gehen von Krankenhaus zu Krankenhaus und werden von Notärzten begleitet.

An der Dienststelle gibt es Schlafräume, Wohnzimmer und WLAN. Draußen am Gang stehen ein paar Ehrenamtliche und Zivis im Kreis wie um ein Lagerfeuer – in der Urform der Kommunikation sozusagen. Der Schmäh rennt. Einsätze gibt’s gerade keine. Einer von ihnen ist eine Stunde zu früh gekommen. „Ihr regt euch schon auf, wenn ihr eine Stund länger da bleiben müsst“, meint einer der Erfahreneren zu den Jungen. Früher hätte man oft eine ganze Schicht Überstunden gemacht – ohne Jammern. „Du kannst eh heimfahren. Hast eh ein neues Auto“, schlägt Patrick dem Zufrühkommer vor. Das will er dann doch nicht. „Peugeot? Glaubst, in so eine Kruck’n steig ich ein?“, fragt er ihn ungläubig. „Hat der überhaupt einen Motor drin? Oder musst mit den Füßen mittreten?“ Wahrscheinlich habe er beim Kaufen nicht nachgesehen, ob er überhaupt einen Motor im Auto hat, sind sich alle einig. Der Schmäh rennt.

Am Abend gibt’s eine Feier, die Jahresbezirksversammlung. In der ersten halben Stunde werden dort die Statistiken des Vorjahres besprochen. „Z’spät kommen is‘ erlaubt“, erklärt einer. Natürlich geht es den Mitarbeitern nicht um die Statistik. Am Abend gibt’s feines Essen, genug zu trinken und einige Leute zum Reden. Ein wenig Feiern kann man sich mit ihnen gut vorstellen. „Drei Stunden noch bis Dienstende“, meint Phil vorfreudig.

Der Pager meldet sich wieder zu Wort. Ein „Sechser“, also eine Rettungsfahrt ohne Blaulicht. Schnell, aber ohne Stress, holen Patrick und Phil ihre Jacken. Am Terminal steht: „Bekommt schlecht Luft“. Wir holen ein 6-jähriges Mädchen mit starken Halsschmerzen, ihren kleinen Bruder und ihre Mutter ab. Gefühlvoll wie immer stellen sie der Kleinen Fragen und nehmen ihr die Angst. Patrick bleibt hinten sitzen, Phil fährt.

Krisenintervention

Es geht wieder nach Leoben, diesmal in die Kinderklinik. Phil erzählt von seinem schlimmsten Erlebnis in seiner Zeit beim Roten Kreuz, doch redet darüber wie über jedes andere Thema. Als würde er vom letzten Wochenende erzählen. „Da hat sich einer die Rübe weggeblasen“, sagt er teilnahmslos. Doch dann wird seine Stimme zittriger. Die Geschichte geht ihm anscheinend doch näher, als er sich selbst eingestehen möchte. In seinem Zivildienst holten er und ein Kollege eine Frau ab. Als sie wegfahren wollten, kam ihr Sohn aus dem Haus und meinte, der Vater hätte sich erschossen. „Dem ist’s zuerst schon nicht gut gegangen. Und er hat so ein Jagdgewehr im Zimmer liegen gehabt. Mit dem hat er sich direkt ins G’sicht g’schossn“, erzählt er. Seine Stimme zittert noch immer. Er spricht leiser, ist schwerer zu verstehen als sonst. Seine Augen sind dennoch konzentriert auf die Fahrbahn. Den Fußgänger am Straßenrand übersieht er nicht.

Bei solchen Extremfällen gibt es die „Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen“, die Krisenintervention. Sie ist verpflichtend – wenn man so will. Dort werden im Team die Ereignisse besprochen. In diesem Fall war es eine größere Gruppe. „Da haben wir lang g’redet. Und Leberkässemmeln hat’s gegeben. Leberkässemmeln mit Senf und Ketchup“, sagt er grinsend, um den Schmäh nicht zu verlieren. Das kleine Mädchen und ihre Familie sind sicher angekommen. Jetzt geht es wieder zurück zur Dienststelle. Das Terminal hat zurzeit keine Aufträge.

Nicht an der Côte d’Azur, sondern im LKH Leoben, fragt Frau Müller Marian und Robert, ob die „feschen Buben“ sie später wieder abholen. „Kann sein, des wird zugeteilt. Aber vielleicht gibt’s ja noch feschere“, bemerkt Marian. Daran hatte sie noch nicht gedacht. „Stimmt!“, sagt sie, als ihr das Licht aufgeht, „Man darf da nicht zu voreingenommen sein.“ Sie bleibt im Warteraum. Die Buam verabschieden sich und gehen wie die Cowboys Richtung Horizont. Auf zur nächsten Heldentat – oder auf zum nächsten Schmäh.

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